Triebwagentypen von Credé
Die Firma Waggonfabrik Gebrüder Credé hat sich als Hersteller von Güter- und Reisezugwagen sowie Straßenbahnfahrzeugen über die Jahrzehnte einen exzellenten internationalen Ruf erarbeitet. Die Brüder Conrad und Adam Credé gründeten 1897 in Niederzwehren – seit 1936 einem Stadtteil von Kassel – ihre Firma, die anfänglich vor allem Güter- und Postwagen für die Preußischen Staatseisenbahnen bauten. Besonderes Aufsehen erregte die Firma 1928 mit dem Bau der prestigeträchtigen Rheingold-Schnellzugwagen. Credé stellte auch Omnibusse her, nach dem Zweiten Weltkrieg auch Kleinkrafträder und Getränkeautomaten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fertigte man in Kassel den wagenbaulichen Teil für einige Bei- und Steuerwagen VB 98 und VS 98 für die DB. Für die US Army baute Crede außerdem vier zweiteilige VT-08-Triebzüge.
Im Gegensatz zu vielen anderen Waggonfabriken entwickelte Credé kaum eigene Triebwagen. Die wenigen Ausnahmen, die in Deutschland zum Einsatz kamen, werden hier nachfolgend aufgeführt.
Export-Rückkehrer von 1938
1938 baute Credé zwei dieselmechanische zweiachsige Triebwagen, die für den Export nach Lettland bestimmt waren und bei der Latvijas Valsts Dzelzsceļi auf 1524 mm Breitspur noch kurze Zeit eingesetzt wurden. Bei dem Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg wurden die beiden Triebwagen mitsamt eines dritten in Lettland gebauten Wagens und zwei Beiwagen beschlagnahmt und später auf Normalspur umgespurt. Bei dem Rückzug der deutschen Truppen wurde der Credé-Wagen 802 mit dem lettischen Beiwagen 2151 Richtung Westen abgezogen.
Mit einem Achsstand von 8.000 mm, einer Länge über Puffer von 15.150 mm und 58 Sitzplätzen ist dieser Credé-Triebwagen deutlich größer als vergleichbare zweiachsige Motortriebwagen der 1930er-Jahre. Über die DRB gelangte der Wagen an die Regentalbahn, heute ist er bei der Tegernseebahn betriebsfähig erhalten.
In vielen Publikationen wird als Hersteller immer wieder die Waggonfabrik Dessau genannt. Diese Angabe ist mittlerweile widerlegt.
Nachkriegs-Einzelstücke
1951 baute Credé für die Elmshorn-Barmstedt-Oldesloer Eisenbahn-AG (EBOE) einen vierachsigen Dieseltriebwagen, dessen auffälliges Hauptmerkmal ein Mitteleinstieg mit zweigeteilter Schiebetür war. Der Drehgestelltriebwagen hatte eine Länge von 18,15 Metern, besaß einen 180-PS-Dieselmotor und 71 Sitzplätze. Er soll 68 km/h erreicht haben.
Für die Kleinbahn AG Kassel-Naumburg entwickelte Credé 1955 gemeinsam mit Henschel einen vierachsigen Schlepptriebwagen, der optisch sehr stark an die vierachsigen Triebwagen der Maschinenfabrik Esslingen angelehnt war. Er besaß drei Abteile und zwei Mitteleinstiegsbereiche. Der Triebwagen verfügte über zwei aufgeladene Sechszylindermotoren von Mercedes-Benz vom Typ MB 846 Bb mit je 300 PS Leistung und konnte damit auf der anspruchsvoll trassierten Strecke auch zwei Personen- oder Güterwagen mitführen. Insgesamt waren 98 Sitzplätze vorhanden, der Triebwagenführer hatte seinen eigenen abgetrennten Führerraum. Der Wagen blieb ein Einzelstück und wurde 1977 abgestellt und verkauft, blieb aber auch bei seinen späteren Eigentümern abgestellt.
Beide Fahrzeuge wurden 1999 und 2006 verschrottet.
Text: © Malte Werning
Quellen und Literatur
- Dürr, Florian: Weißblauer Dessauer. In: Eisenbahn-Magazin 5/2019.
- Löttgers, Rolf: Von Riga nach Viechtach. In: Eisenbahn-Kurier 590 (2021).
- Weltner, Martin: Credé/Henschel-Triebwagen: Einzelgänger. In: Lok-Magazin 360 (2011).